Uhren restaurieren in St. Petersburg

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Empire- Stil- Reiseuhr des Zaren Nikolaus II, Repetier- Schlagwerk, Jaspis mit Silber- Aplikationen, ca. 18x10x8 cm, Fabergé ca.1895, sign. mit den Initialen von Mikhail Perkhin/ St. Petersburg.

Nikolaus II, geb.1868 in Zarskoje Selo, Zar von 1894 bis 1917, wurde zusammen mit seiner Familie 1918 ermordet. Er hat seine letzte Ruhestätte gemeinsam mit anderen Zaren in der Peter und Paul-Kathedrale in St. Petersburg gefunden.
1917 wurde diese Reiseuhr aus der Winter-Wohnung des Zaren im Winterpalast in das Museum der Oktober-Revolution ebenfalls im Winterpalast gebracht. Ab 1938 stand sie im Museum Kshesinskaia's Haus und ist 1974 zum Sommersitz des Zaren Nikolaus II zurückgekehrt. Im Museum Peterhof kann sie nun von Besuchern aus aller Welt bestaunt werden.

Es ist für mich eine große Ehre, vom Museum Peterhof den Auftrag bekommen zu haben, die prachtvolle Reiseuhr Nikolaus II in der Uhrmacherwerkstatt "Peterhof" State Museum- Reserve zu restaurieren. Die Restaurierung erfolgte im neunten Jahr meiner Tätigkeit als Uhrmacher in Peterhof im Juli 2008. Der fehlende Silber-Distanz-Ring für den Übergang des Zifferblattes zur Gehäusefront wurde von mir in Duisburg/ Deutschland auf der Drehbank angefertigt und 2009 eingebaut, so dass diese kostbare Uhr des letzten Zaren 90 Jahre nach ihrem Gebrauch heute wieder komplett restauriert und voll
funktionsfähig ist.

Einige bemerkenswerte Besonderheiten dieser Tischuhr haben mich überrascht.
 
Sie wurde mit Sicherheit für Nikolaus II extra angefertigt, denn das im Uhrwerk komplett vorhandene und funktionsfähige
Weckwerk ist von Außen nicht zu erkennen. Niemals vorher ist mir eine Reiseuhr begegnet, deren vorhandenes Weckwerk nicht angewendet werden kann. Das üblicherweise in der unteren Zifferblatt-Hälfte oder auf der Werk-Rückseite einer Reiseuhr sichtbare Stundenzifferblatt mit Weckerzeiger zum Einstellen der Weckzeit fehlt vollkommen. Diese Tatsache lässt den Schluss zu, dass Zar Nikolaus II. von Bediensteten geweckt wurde und somit ein Weckwerk überflüssig war.

In der oberen Deckplatte des Uhrgehäuses ist ein Knopf sichtbar, mit dem das Repetier- Schlagwerk jederzeit ausgelöst werden kann. Die Uhr schlägt nach Knopfdruck die letzte volle Stunde sehr leise auf eine Tonfeder, so dass der Zar nach Bedarf die Zeit abrufen konnte. Der komplett vorhandene Selbstschlag-Mechanismus für die halbe und volle Stunde ist von Anfang an außer Funktion gesetzt worden, da er nicht benötigt wurde und nachts nur gestört hätte.

Einige Daten zum Gehäuse und zum Uhrwerk:
Das Gehäuse wurde in St. Petersburg angefertigt und besteht aus einem Gestell mit 13 rot- braunen-Achat-Platten, die mit
Silber-Applikationen verziert sind und von Silber-Schienen gehalten werden. Auch die Gehäuse-Füße und Dachreiter sind aus massivem Silber. Das flache Email-Zifferblatt mit römischen Stundenziffern und arabischen Minutenzahlen hat einen Durchmesser von 50mm. Die Zeiger sind aus poliertem, feuer-gebläutem Stahl.

Das Uhrwerk wurde komplett in England produziert und ist von hervorragender Qualität. Es läuft acht Tage und besitzt drei Zugfedern, die mit dem noch vorhandenen Original-Schlüssel aufgezogen werden.
Vollplatinen, massive Triebe, Spitzzahn-Anker-Hemmung, Schrauben-Unruh, 7 Natur- Rubine und ein feiner Regulier-Rücker sind Kennzeichen der sehr guten englischen Reiseuhr.

Da die Uhr stehen blieb und nicht zuverlässig schlug, wurden von mir folgende Restaurierungs-Arbeiten ausgeführt:
 
Gehäuse demontiert, gereinigt, alte Klebereste entfernt, montiert.
Uhrwerk vollkommen zerlegt, entrostet, gereinigt, Schrauben korrigiert, Unruh-Rubin ersetzt, Unruh- Reif entrostet, Kronrad-Zapfen poliert, Spirale gerichtet, Sternrad-Hebel-Höhenspiel korrigiert, Schlagwerk-Zugfeder korrigiert, Zeigerfutter korrigiert und neu vernietet, Zeiger entrostet, Werk montiert, geölt, gefettet, auf ca. +30Sek./ 24 Std. reguliert, Zifferblatt- Distanz-Ring angefertigt.
 
Heute ist diese Fabergé-Reiseuhr in der Schatzkammer des Großen Palastes Peterhof ausgestellt.

Weitere Informationen: Bildvortrag Nikolaus II.